Legitimation der Täterarbeit

Auszug aus einem Artikel:

Täterarbeit ist Teil des Opferschutzes

Nach fast zehn Jahren Erfahrung in der Gewaltberatung wird deutlich, dass Täterarbeit zu einem wichtigen Baustein des Opferschutzes geworden. Das Opfer vor weiteren Gewalterfahrungen zu schützen, ist oberstes Ziel der Arbeit.  

Darüber hinaus gelingt es durch die annehmende und begleitende Haltung immer wieder, Männer zu befähigen, ihre eigenen Grenzen zu erkennen und zu akzeptieren. So lernen sie, die Grenzen anderer zu respektieren und können die Gewalt beenden. Dadurch erfahren sie, wie lohnenswert es ist, ihr eigenes Potenzial für die Gestaltung und nicht für die Zerstörung von Beziehungen zu nutzen.

Wenn vor etlichen Jahren eine Reihe Männer angetreten sind, um Täterarbeit anzubieten, sahen sie sich nicht nur mit den eigentlichen Tätern konfrontiert, sondern auch mit den, in Opferberatungsstellen, tätigen Profis. Täterarbeit hiess damals und zum Teil auch heute noch, Arbeit mit gewalttätigen Männern. Unter Arbeit wurde verstanden, die gewaltätigen Männer überhaupt einmal in Beratung zu bringen, bzw. sie zu zwingen. Das Bild des gewalttätigen Menschen, heute, wie damals, ist das, überwiegend, eines Mannes, der einerseits therapieresistent ist und anderseits Beratung/Therapie grundsätzlich ablehnt. Aus dieser Haltung und Idee entstanden die Täterprogramme und die opferorientierte Tätertherapie. Der Mann war der Böse und musste bekämpft werden.

In solch einem Umfeld Täterarbeit anzubieten, war sehr fragwürdig und man(n) landete schnell selbst in der Täterecke. Man(n) ersann diesen Slogan, um die Täterarbeit saloonfähig zu machen und gesellschaftlich anerkannt und gefördert zu werden. Wahrscheinlich war das auch nötig, um überhaupt in die Gänge zu kommen und/oder die Initiatoren haben es damals so verstanden!?

Für mich klingt das in etwa so, als ob Täterarbeit nur gemacht werden darf, weil es dem Opfer hilft. Würde es das nicht tun, gäbe es keinen Grund oder keine Legitimation, Täterarbeit anzubieten.

Ich persönlich brauche diese Legitimation nicht, um mit Männern und Frauen an ihrem Gewaltproblem zu arbeiten. Für mich ist Täterarbeit, eine eigenständige Beratungs- und Therapieform, die Menschen hilft ihre Gewalt zu beenden. Gewalttäter_innen leiden unter ihren Taten und den daraus resultierenden Folgen. Also um auf die obenstehende Aussage zurück zukommen, heisst es nicht [Darüber hinaus gelingt es…], sondern es ist meine/unsere eigentliche Arbeit mit gewalttätigen Menschen, deren Selbstwahrnehmung in Gang zu setzen und zu schärfen, sie zu befähigen ihre Gefühle wahrzunehmen und oftmals eine Sprache zu entwickeln, um diese auszudrücken, nebst den obengenannten Zielen und Themen.

[ Das Opfer vor weiteren Gewalterfahrungen zu schützen, ist oberstes Ziel der Arbeit.]

Mein oberstes Ziel ist es, dem gewalttätigen Menschen die Verantwortung über sein zukünftiges Handeln zu belassen und die Veranwortungsübernahme für sein Tun zu fördern und ihm Handwerkzeug an die Hand zu geben, damit er das schafft.

Hier können sie den ganzen Artikel, bzw. das ganze Heft lesen:

http://www.bistum-muenster.de/downloads/Seelsorge/2014/20141124_US_Dez2014.pdf

Vielleicht äußert sich, die/der eine oder andere dazu!?

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5 Gedanken zu „Legitimation der Täterarbeit

  1. Andreas Moorkamp

    Das oberste Ziel von Täterarbeit ist es, dass die Gewalt ein Ende hat und es keine neuen Opfer gibt oder Betroffene nicht erneut zu Opfern werden. Sonst ist es keine Täterarbeit. Dies gelingt nur indem der Täter oder die Täterin die Verantwortung für sein/ihr Handeln übernimmt.
    Dass Täterarbeit ein wichtiger Baustein für den Opferschutz ist, ist auch heute noch für viele Teile der Gesellschaft eine ungewohnte Sichtweise. Das Problem der „früheren Sichtweise“ liegt darin, dass das Opfer in den Focus genommen wurde und der Verursacher/die Verursacherin zwar (und das auch nur in wenigen Fällen) strafrechtlich „behandelt“, ihm oder ihr aber kein Unterstützungsangebot gemacht wurde. Wir betonen immer wieder, dass die meisten Täter nicht zufrieden sind mit ihren Taten oder gar darunter leiden und wir ihnen deshalb mit einer annehmenden Haltung begegnen.
    Der Opferschutz ist hierbei nicht die einzige, aber sie ist auch eine Legitimation.

    [„Für mich klingt das in etwa so, als ob Täterarbeit nur gemacht werden darf, weil es dem Opfer hilft. Würde es das nicht tun, gäbe es keinen Grund oder keine Legitimation, Täterarbeit anzubieten“].

    Ich bin der Meinung, dass Täterarbeit nur Sinn macht, wenn mit ihr Gewalt verhindert werden kann, sonst ist es keine Täterarbeit. Wenn wir gleichzeitig betonen, dass Täter unter ihren eigenen Taten leiden, hilft sie auch dem Täter. Durch die Arbeit macht er die Erfahrung, dass er durch das Weglassen der Gewalt nicht eingeschränkter wird, sondern er mehr und mehr Alternativen dazu gewinnt und er sich als Handelnder und Gestaltender wahrnimmt.

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    1. jerryfaber Autor

      Hallo Andreas, vielen Dank für deine Antwort, für deine Rückmeldung. Im Grunde bekräftigst du nochmals deine Ausführungen, die ich größtenteils bedingungslos teile, außer eben dem mehrmals zitierten Satz.
      Für mich steht nicht das Opfer, bzw. dessen Schutz im Mittelpunkt, sondern der/die Täter_in und dessen Not und Leid, die er/sie mit sich selbst und die, die er durch seine/ihre Taten erlebt. Dass dies, im günstigsten Fall dazu führt, dass er/sie seine/ihre Gewalt beendet, ist wie du sagst das Hauptziel. Und dass Betroffene und potentiell gefährdete Menschen dadurch ebenfalls profitieren ist wunderbar und motivierend.
      Ich will natürlich nicht damit den Eindruck erwecken, daß mir Betroffene egal wären oder daß mich deren Leid kalt lassen würde. Nein, ich denke jedoch, dass es Einrichtungen und Therapeuten gibt, die sich um die Betroffenen kümmern und diese versorgen.

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      Antwort
      1. Andreas Moorkamp

        Hallo Jerry.
        Ich bin noch mal über unsere Diskussion gestolpert und mir ist noch ein Aspekt eingefallen. Wenn wir Täterarbeit machen, bedeutet es doch immer, dass es auch Opfer gibt. D.h. Täter kann ich nur in Bezug auf Opfer definieren. Wenn zwei Jungen Blutsbrüder werden wollen und sich in den Finger schneiden, werden sie dies kaum als Gewalt definieren, obwohl sie sich verletzen und sie Schmerz empfinden. Wenn ich beim Fussball meinen Gegenspieler weggrätsche, wird er wahrscheinlcih ein Foul reklamieren, dies aber nicht als Gewalt definieren (sonst würde er mich wahrscheinlich anzeigen). Trotzdem gehe ich ihn körperlich an, bringe ihn zu Fall und füge ihm Schmerzen zu. Der Täter/die Täterin wird nur Not leiden, wenn es auch ein Opferempfinden gibt. Auch bei einer Selbstverletzung wird er oder sie nur etwas verändern, wenn er er/sie Not empfinden kann, es also ein Opferemfpinden gibt.
        Ich weiß von Beziehungen, in denen es an der Tagesordnung ist, dass beide sich gegenseitig beschimpfen und keiner der Beiden käme auf die Idee, dass sich etwas verändern muss. Nur, wenn einer/eine Not leidet, entsteht ein Ungleichgewicht und wir können eine Grenzüberschreitung definieren.

        „Das Ziel jeder Form von Täterarbeit ist die nachhaltige Beendigung von
        gewalttätigem Verhalten und unabdingbar für den Schutz der Opfer vor
        gegenwärtigem oder zukünftigem Gewalthandeln“. (Europäische Richtlinien Täterarbeit (EURIT).
        Ich glaube, wir müssen uns noch mal darüber verständigen, wie wir es mit dem Opderschutz halten wollen.
        Es ist auf jeden Fall eine spannende Diskussion, die immer weider neue Aspekte bringt. Hoffentlich führen wir die Diskussion in absehbarer Zeit fort (hier oder vielleicht mal wieder persönlich :-). LG Andreas

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  2. jerryfaber Autor

    Hey, schön von dir zu lesen. Ich freue mich, mich mit dir in meinem Blog auseinander zu setzen. Danke für deine Zeit und Müh.

    Wie bereits im letzten Absatz meines voherigen Kommentars erwähnt, sollen sich Helfer, aller Couleurs, um Betroffene kümmern. Keine Frage! Aber ich/wir mache(n) das nicht!

    Täter_innen leiden unter dem, was sie getan haben. Ihr Leid und ihre Not ist in ihnen vorhanden. Sie machen lediglich andere dafür verantwortlich und bekämpfen es auch dort. Täterarbeit ist das bewusst- und fühlbarmachen dieser inneren Misere. Wenn ein(e) Täter_in dies schafft, nimmt er/sie auch das Leid und die Not seiner Mitmenschen wahr, als das was er getan hat. Das geht gar nicht anders.

    Dein Beispiel mit dem Fussball ist in meinen Augen äußerst grenzwertig, wenn nicht schon grenzüberschreitend. Der Unterschied ist, dass diese, als spielerischer Einsatz, sportliche Auseinandersetzung oder an/in den Mann gehen, verschriene Sportlichkeit, nichts anderes ist als Gewalt, welche auf dem Fußballplatz stellvertretend für uns alle stattfindet und gesellschaftlich tolleriert wird. Einige nehmen es gar zu wörtlich und nehmen die Sache selbst in die Hand(Hooligans).

    Ich arbeite fast ausschließlich mit dem Menschen an sich selbst. Der/die Betroffenen seiner Gewalt kommen nur wenig vor und wenn dann nur kurz und pointiert.
    Ganz zum Schluss der Täterarbeit, wenn es um Schuld, Sühne und Wiedergutmachung geht, ändert sich der Fokus und das Opfer tritt auf den Plan.

    Ja, gerne führe ich diese Diskussion auch persönlich mit dir. Schade, dass du bei dem letzten Treffen nicht dabei sein konntest. Hoffentlich klappt´s beim nächsten!?

    Liebe Grüsse

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    Antwort
    1. jerryfaber Autor

      Ich möchte noch etwas hinzufügen, um unsere Diskussion zu erweitern, nämlich den Begriff vom Täterschutz. Ich begegne diesem Wort desöfteren in sozialen Netzwerken, besser gesagt in bestimmten Postings, wenn es um sexuelle Gewalt und Pädophilie geht.

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      Antwort

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