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Männer, als Betroffene

Wir bedanken uns bei Sven Schmalz vom Internetradiosender “Radioaktiv Lübeck“, der ein Interview von knapp einer Viertelstunde mit einem Mitglied unserer Initiative zur Gewaltschutzwohnung, dem Männerberatungsnetzwerk und unsererer Organisation aufzeichnete und heute um 14 Uhr senden wird. Darüberhinaus kann das Interview unter diesem Link abgerufen werden. Herzlichen Dank! __ Unter diesem Link können Sie unsere […]

über Radioaktiv Lübeck veröffentlicht Interview — Gleichmaß e.V.

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Männerberatung – braucht es das?

Im Juni letzten Jahres hatte ich den Artikel meines Kollegen gepostet; wer ihn nachlesen will hier der Link dazu: Männerberatung – braucht es das?.

Markus Kratzberger hat mittlerweile ein Buch dazu geschrieben; kürzlich hat er dies in Österreich, zusammen mit seinem Verleger Joachim Lempert, vorgestellt und das Ganze filmen lassen.

Hier geht´s zum Film:

Buchhinweis

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Mann berät Mann

Von Markus Kraxberger

Ein Buch für Männer, die Männer beraten möchten und ein Buch für Beratungsstellen, die sich der Beratung von Männern zuwenden wollen.

Markus Kraxberger hat in seiner wissenschaftlichen Arbeit Männer danach befragt, was sie brauchen, um sich helfen zu lassen.

Sein Fazit:

Gegen alle Erwartungen nehmen Männer Beratung in Anspruch, wenn die Voraussetzungen stimmen.

Männerberatung braucht vor allem Männer, die beraten können, aber auch selbst als Mann wahrnehmbar sind. Dadurch gelingt es, Männern den Schritt in die Beratung zu erleichtern, sie zu halten und mit ihnen ressourcenorientiert, aber auch konfrontativ zu arbeiten.

ISBN: 978-3-9807120-4-0

Männerberatung – braucht es das?

Diese und andere Fragen stellt sich mein Kollege aus Österreich, Markus Kraxberger, und gibt auch gleich einige Antworten in seinem Artikel.

Österreich ist ein Vorbild und Vorreiter in Sachen Männerberatung. Wir, von der Eupax, nehmen uns ein Beispiel und sind dabei ein Männertelefon zu installieren, wobei die technische Infrastruktur bereits steht und aktiv ist. Hier an dieser Stelle, hatte ich bereits darüber berichtet. Ein weiteres Projekt, welches eng mit der Männerhotline einher geht, ist eben die Männerberatung.

Hier nun der Artikel:

Männer gehen nicht in Beratung. Männer sind Meister im Aushalten und Durchdrücken. Männer funktionieren, bis es nicht mehr weitergeht. Soweit die Vorurteile.

Gleichzeitig ist es Realität, dass Männer im Durchschnitt 60 Monate benötigen, um den ersten Schritt in die Beratung zu tun. Es besteht eine große Barriere, Beratung in Anspruch zu nehmen.
Allgemeine Beratungsstellen sind häufig weiblich besetzt, feminin ausgerichtet und stellen dadurch eine zusätzliche Hemmschwelle für den Mann dar.

Die Skepsis, ob Männer Männerberatungsstellen in Anspruch nehmen, bestand auch bei der Gründung der Männerberatung in Österreich. Wie die Praxis zeigt ist sie unbegründet. Mittlerweile gibt es in allen Bundesländern Österreichs mindestens eine Männerberatungsstelle. Männer nutzen das Beratungsangebot sogar so intensiv, dass eine höhere Budgetierung notwendig wäre, um die Nachfrage abzudecken.

Warum funktioniert Männerberatung?
Die Männer schätzen die spezielle Atmosphäre in der Männerberatung. Sie hilft ihnen, eine etwaige Hemmschwelle zu überwinden, die bei der Inanspruchnahme von Beratungsstellen aufgrund männlicher Sozialisationsaspekte häufig besteht. Für Männer bietet die Beratung bei einem Mann eine vertraute Umgebung. Es treffen sich nicht zwei geschlechtslose Wesen, sondern es sitzen sich zwei Männer gegenüber. Das erleichtert es den Männern, sich zu zeigen, zu öffnen, ihre eigene Männlichkeit kritisch zu betrachten. Sie schätzen es, dass sie in der Männerberatung als „ganzer“ Mann im Zentrum stehen und nicht auf ein Problem reduziert werden. Die Beratung von „Mann zu Mann“ dient den Männern als Schutzzone zur (De)Konstruktion von Männlichkeit.

Die Erwartungen an die Berater sind hoch. Der Berater soll ein Meister seines Faches sein und nicht irgendein „Durchschnittsberater“. Wenn Männer schon die Hemmschwelle der Beratung überwinden, ist ihnen die Professionalität des Beraters wichtig. Die Männer schätzen einen Berater mit lebensweltlichen Erfahrungen, die er in seine professionelle Rolle integriert. Einen Profi, der seine Professionalität auch darin lebt, sich selbst als Mann zu zeigen und sich nicht auf seine „Profirolle“ zurückzieht. Dies ist notwendig, um kein allzu großes Machtgefälle zwischen Berater und Klient zu erzeugen, das die Beratungsbeziehung stören würde.

Männer wollen in der Beratung einerseits einen Profi, andererseits einen ganz normalen Mann. Männern fällt es oft nicht leicht, eine Beziehung zu anderen Männern aufzunehmen. Eine gute Beratungsbeziehung kann dann gelingen, wenn der Berater seine Fähigkeiten und Kenntnisse einbringt, aber nicht zu sehr auf seiner Expertenposition verharrt, sondern auch als Mann sichtbar wird.

Die in einem Forschungsprojekt von mir befragten Männer definieren für sich folgenden Nutzen von Männerberatung:

• Erkennen und Weiterentwicklung der eigenen Männlichkeit
• Gesprächssituation für Schweiger
• Hilfe in Krisensituationen
• Erforschung von Ursachen für eigenes Verhalten
• Außensicht ermöglicht Verhaltensänderung
• Start eines Veränderungsprozesses
Es braucht ein bewusstes Wahrnehmen, dass Männer auch ein Geschlecht haben und sich daraus geschlechtsspezifische Bedürfnisse ergeben; auf der Ebene der Politik, der Wissenschaft, aber auch der Beratung, Bildung und Begegnung. Schlussendlich benötigt es eine gesamtgesellschaftliche Auseinandersetzung mit den Konstruktionen von „Mann- Sein“, ähnlich wie dies zu Beginn des Feminismus mit der Rolle der Frau stattgefunden hat.

Die Männerberatung kann für diesen gesamtgesellschaftlichen Prozess Wegbereiter sein. Um diese Aufgabe ausfüllen zu können, braucht es einen Ausbau, um den quantitativ notwendigen Bedarf abdecken zu können.

Derzeit gibt es in Deutschland schon ein Männertelefon (01804-623 623), bei dem Männer kompetente Telefonberatung erhalten. Dort ist man außerdem bemüht, die Männer vor Ort an freie Männerberater zu vermitteln. Leider gibt es in Deutschland noch kein Netz von Männerberatungsstellen, bei denen Männer niedrigschwelligen Zugang zu Männerberatung erhalten können.

Die wesentlichen Inhalte dieses Artikels sind durch die Ergebnisse des zuvor genannten Forschungsprojekts belegt. Sie stützen sich auf die zentralen Erkenntnisse aus der Befragung von Männern, die Männerberatung in Anspruch genommen haben. Diese wissenschaftliche Arbeit erscheint im OLE Verlag unter dem Titel „Mann berät Mann“.

Markus Kraxberger,
Ausbildung zum Kindergarten- und Hortpädagogen und anschließend zum Diplomsozialarbeiter (DSA), berufsbegleitende Weiterbildung u.a. zum Männer- und Burschenberater, Gewaltberater und Gewaltpädagogen, 11 Jahre Sozialarbeit in der Kinder- und Jugendhilfe am Magistrat Linz, seit 2005 Sozialarbeit im Familienzentrum Pichling und dort u.a. mit der Entwicklung von geschlechtssensiblen Bildungs- und Beratungsangeboten für Männer, Burschen und Paare betraut; 2007-2012 nebenberuflicher Lektor an der FH St. Pölten, Studiengang Soziale Arbeit, Handlungsfeld „Geschlechtsspezifische Differenzierung“; seit 2008 Mitarbeit bei der Euline – Europäische Hotline gegen Gewalt (seit 2011 eupax); 2010 Graduierung zum Magister(FH) für sozialwissenschaftliche Berufe; regelmäßige Aktivitäten, Zusammenarbeit und Vernetzung im Kontext nationaler und internationaler Männer- und Gewaltberatung