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KONFLIKT.GEWALT. – Newsletter Januar 2019

Neues von den Schweizer Kollegen. Besonders interessant zu lesen sind die Erfahrungsberichte von Betroffenen.

KONFLIKT.GEWALT. – Newsletter Januar 2019
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Ausufernde Gewalt

Kürzlich veröffentlichte die Polizei in Deutschland ihre Statistik für 2017 über häusliche Gewalt und schockte die Öffentlichkeit mit einer schrecklichen und kaum zu glaubenden Zahl!

Jeden Tag stirbt eine Frau in Deutschland durch die Hand eines Partners oder Ex-Partners.

Nun erschütterte eine Beziehungstat auch Luxemburg. Am 02. Januar rannt ein Mann mit seinem Wagen in eine Gruppe von Menschen und verletzte dabei 3 Erwachsene und zwei Kleinkinder unterschiedlich schwer. Eines der Kleinkinder sollte kurz nach der Tat an den Folgen seiner Verletzungen sterben.

Unter den Verletzten befand sich die Ex- Freundin des Täters und ihr gemeinsames Kind, welches verstorben ist.

Die näheren Umstände sind, außer den Genannten, ungewiss.

Jemand fragte mich, ob ich(Tätertherapeut) denn auch solch einen Mann verstehen könnte. Ich habe ziemlich schnell mit einem klaren ja geantwortet.

Ich habe eine Vorstellung davon, was möglicherweise in so einem Mann vorgeht. So würde ich an ihn herangehen und ihm begegnen. Wenn sich meine Hypothese bestätigt, könnte ich mit ihm arbeiten, wenn nicht würde ich sie anpassen, bzw. könnte ich auch zu dem Schluss kommen, dass ich nicht mit dem Mann arbeiten könnte.

Aber zurück zur Tat und dem Ereignis. Die Öffentlichkeit erfährt von solchen Dingen an einem Punkt, an dem bereits vieles passiert ist. Von der Vorgeschichte wissen die Wenigsten. Sozusagen beschäftigten sich die Menschen mit der Spitze des Eisberges. Der Teil, welcher unterhalb der Wasseroberfläche liegt, bleibt verborgen. Den Meisten wird dieser Blick genügen und ihre Meinung über den Vorfall wird davon geprägt und beeinflusst sein.

Wie oben angedeutet ist diese verabscheuungswürdige Tat das Ergebnis einer langjährigen Entwicklung und sollte keinesfalls isoliert betrachtet werden. Alleine deshalb, weil wir daraus lernen könnten und weitere ähnliche Taten verhindern könnten.

Viele Appelle an Täter verschallen ohne Resonanz im Nirwana und sind somit nutz- und sinnlos. Sie taugen wohl lediglich um das Gewissen zu beruhigen und um festgefahrene Vorurteile gegenüber Tätern weiter zu bekräftigen.

Ähnlich den Kampagnen der Securité routière entlang unserer Straßen verfehlt diese Art der Ansprache ihr Ziel. Die meisten Männer fühlen sich weder als Raser noch als Gewalttäter angesprochen. Sie identifizieren sich nicht mit denen; sie sagen sich: „Ich bin das nicht, solche schlimmen Dinge mache ich nicht, ich bin nicht wie Die!“

Daher ist es wichtig zu wissen, dass die meisten Täter von Tötungsdelikten „klein“ angefangen haben. Und niemand hat das ernst genommen. Sie selbst am Wenigsten. Aber auch das Umfeld; nach wie vor nehmen, die meisten Menschen Beziehungsprobleme, Streitigkeiten oder Ähnliches von Familienmitgliedern, Kollegen, Freunden und Nachbarn, als private Angelegenheiten wahr. Und die Betroffenen erst recht. Auch die Schulen verschließen ihre Augen, wenn Kinder Hinweise auf häusliche Gewalt äußern.

 

Täterarbeit in Frankfurt

Meine Kollegin betreibt in Frankfurt ein Institut an dem sie, neben anderen Dingen, auch Täter(innen)beratung anbietet.

Hier ein kleiner Einblick:

www.linkedin.com/pulse/gewalt-passiert-nicht-ist-eine-entscheidung-sylvia-sophia-assmann

Was ist mit den Täter_innen?

Auch der/dem Täter_in gebührt unsere Aufmerksamkeit und Solidarität und dem gegenüber, eine klare und deutliche Ablehnung und Ächtung seiner/ihrer Tat. Diese Gewalttaten haben eine Vorgeschichte; sie sind die Spitze eines (Beziehungs)Eisberges, den wir jetzt wahrnehmen, da die/der Betroffene(r), in ihrer Not, die Gewalt aus den eigenen vier Wänden nach Aussen und in die Öffentlichkeit getragen, um sich und ihr Kind zu retten. Häusliche, familiäre oder Beziehungsgewalt, findet im Verborgenen statt; beide, Opfer und Täter, schweigen aus Scham.

Diese Isolation, dieses Schweigen gilt es zu durchbrechen und sich einem Dritten anzuvertrauen. Ihr Anruf bei uns, ist der erste Schrit!

Für Menschen mit Gewaltproblemen bietet die TäterHotline – Euline – einen schnellen, anonymen und niedrigschwelligen Weg zur ersten Kontaktaufnahme mit ausgebildeten Gewaltberatern per Telefon. Anschließend vermitteln wir sie an Fachleute unseres Vertrauens vor Ort weiter. In der Beratung lernen sie den Gewaltkreislauf zu unterbrechen und zu verlassen und so die Gewalt zu beenden.

Rufen sie an!

Luxemburg: 26 62 12 11

Deutschland: 01805 43 92 58

oder schreiben sie uns eine Mail und/oder besuchen uns im Netz:

Euline

Gewaltberatung Luxemburg

Eupax Fachverband Gewaltberater & Tätertherapeuten

Intentionen von Gewalt

Hartnäckig hält sich die Annahme, dass Gewalt gegen Frauen(häusliche Gewalt), ausgeübt von Männern, i.d.R. von ihren Partnern, aus Machtbestreben besteht. Also dass die Männer die Macht über ihre Partnerin auf-und/oder ausbauen oder zurück gewinnen möchte. Auf jeden Fall geht es um Macht, um die Frauen zu unterdrücken.

Es gibt natürlich böse und sadistische Männer, mit krimineller Energie oder denen es Spaß macht andere Menschen zu quälen. Die Einen gehören angeklagt und vors Gericht gestellt und die anderen behandelt und/oder in die Psychiatrie überführt.

Ich will über die Mehrzahl von Männer reden, die so sind wie du und ich. Und diesen Männern geht es nicht um Macht, sondern um Ohnmacht und Hilflosigkeit. Genauer genommen, geht es Ihnen um die Abwehr deren. Diese beiden Zustände sind sehr schwer auszuhalten, besonders für Männer, da diesen doch seit Kindertagen erzählt wird, wie stark sie sind und was sie zu tun haben um echte Männer zu werden. Ein Mann, der nicht mehr weiter weiß, der sich nicht(mehr) zu helfen weiß, ist schwach. Und welcher Mann, will schon schwach sein!?

Es ist natürlich falsch andere für seine eigenen Probleme und Schwierigkeiten verantwortlich zu machen und die vermeintlich Schuldigen anzugehen. Ihre irrige Lösung für ihr Problem liegt genau hier; mit einem Schlag, im doppelten Sinne des Wortes, erlangt er seine Handlungsfähigkeit zurück.

Die Beratung setzt hier an; die meisten Männer sind entsetzt darüber, was sie da tun und wissen, dass es falsch ist. In der Gewaltberatung/Tätertherapie   lernen die Männer sich ihrer Hilflosigkeit zu stellen und die Verantwortung für die Lösung ihres Problems selbst in die eigenen Hände zu nehmen.

Weiterführende Links zum Thema häusliche Gewalt und Täterarbeit:

Hotline für gewalttätige Menschen

Fachverband für Gewaltberater/Tätertherapeuten

PhaEmoPraxis®Lëtzebuerg

Institut Lempert Hamburg/Wien

Sexualität und Gewalt

Heute interessiert mich eher der semantische Aspekt dieser Gewalt, als der Inhaltliche.

Sprechen wir von sexueller Gewalt oder von sexualisierter Gewalt!?

Vielleicht sagt der Eine oder Andere, das ist doch gleich. Die beiden Begriffe bedeuten doch das Gleiche.

Ja stimmt, die beiden Begriffe reden von den gleichen Dingen, von Sex und Gewalt.

Und doch möchte ich auf einen wesentlichen Aspekt aufmerksam machen.

Ich plädiere dafür ausschließlich den Begriff sexualisierte Gewalt zu benutzen.

Sexuelle Gewalt macht klar um was es geht, um Sex und Gewalt!

Sexualisierte Gewalt dagegen zeigt klar auf, dass eine Person die Gewalt sexualisiert und dafür die Verantwortung trägt. Nicht die Gewalt an sich ist sexuell, sondern sie wird sexuell gemacht.(Kavemann 1996)

Heynen (2000) benennt den Unterschied folgendermaßen: »Sexualisierte Gewalt betont primär, dass die Gewalt im Vordergrund steht und sexualisiert wird. Sexuelle Gewalt hebt im Vergleich zu physischer und psychischer Gewalt hervor, dass die Gewalt mit sexuellen Mitteln ausgeübt wird.

Sexualisierte Gewalt hat nichts mit Sex zu tun, sowenig wie eine VerGEWALTigung etwas mit Sex zu tun hätte. Sie hat etwas, wie der Name es bereits sagt, mit Gewalt.

Das interessante daran ist der Fingerzeig auf die Verantwortung, die derjenige trägt, der sexualisierte Gewalt ausübt. Das entspricht genau meinem Arbeitsansatzes – die Gewalt dort zu bekämpfen, wo sie entsteht – beim Täter_in.

(Teile dieses Postings entstammen einer Facharbeit, deren Quelle mir unbekannt ist)